Zwischen Gravenhorst und Riesenbeck

Das Kloster Gravenhorst ist mein Ziel. Ein Parkplatz, direkt neben dem Kloster, soll für die nächsten beiden Nächte mein Womo und mich beherbergen. Vorsichtig steuere ich mein rollendes Heim über die kleine steinerne Brücke. 3,5 t warnt ein rot/weißes Schild. Gerade noch ausreichend. Heute passiert nicht mehr viel. Ein Rundgang ins und durchs Kloster müssen aber noch sein. Die Geschichte des Klosters erspare ich mir an dieser Stelle, da sie im Zeitalter des Internets hinreichend beschrieben ist.

Kloster Gravenhorst - Tor zum Klosterhof mit Blick auf die Mühle
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Gleich hinter dem Kloster rauscht der immer wärende Strom von Blechkarossen von A nach B und auch von B nach A. Vom Kloster Gravenhorst (Hörstel) bis Ibbenbüren zieht die A30, entlang des Höhenzugs des Teutoburger Waldes, ihre Bahn. Noch trennt sie mich von meinem ersehnten Ziel, einer Radtour in/durch den naheliegenden Forst.

Eine kleine Unterführung geleitet mich auf die andere Seite des Asphaltmonsters. Gleich dahinter, schlafend, ein ummauerter winziger Friedhof.

Ein kleiner Waldfriedhof zum Gedenken der Gefallenen im 1. Weltkrieg

Nur wenige Häuser trotzen mit ihren Anwohnern dem stetig schwelenden Geräuschpegel. Die geteerte Straße wandelt sich nach den Häusern in einen befestigten Waldweg. Doch wie ich nach einigen hundert Metern feststellen musste, nicht in meine geplante Richtung. Grob mein ursprüngliches Ziel im Visier, nehme ich den nächst besten „Weg“. Bis zum Schlagbaum auch alles tutti. Ab hier wird’s spannend. Irgendwie sind es noch Wege, aber schon Ewigkeiten nicht mehr genutzt. Fest und befahrbar schlängeln sie sich durch den Wald. Einfach herrlich. Ich liebe so etwas. Alter Laubwald wechselt mit jungem Nadelforst. Hin und wieder liegt auch schon mal ein Baum quer. Drumherum oder drüber. Hab ja keine Wahl. Gut dass meine Freundin nicht dabei ist. Sie würde eine Krise nach der Anderen bekommen. Nach einer guten halben Stunde hab ich auch wieder einen „richtigen Weg“ unter den Reifen. Den Pilgerweg von Riesenbeck nach Gravenhorst. Wäre ich nach dem Friedhof und der Unterführung rechts statt links gefahren, hätte ich diese Stelle schon nach 10 Minuten erreicht. Aber das ist ja langweilig.

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Mitten im Wald liegt der alte Steinbruch Gravenhorst. Der muss es nun sein. Mit Hilfe einer Karte auf dem Handy ist dieser auch schnell gefunden. Vergeblich suche ich den auf der Karte verzeichneten Eingang. Alle Zugänge gibt es nicht mehr. Zugeschüttet, bewachsen, überwuchert. Ich folge dem betoniertem Weg hinter der Schranke. Naturschutzgebiet (NSG). Also Wege nicht verlassen, nix mitnehmen, nix liegenlassen. Auf halber Strecke ein Weidentor. Highland Cattle liegen friedlich im Gras. Die Landschaftspfleger des Naturschutz, sie verbeißen junge Sträucher und Bäume und halten damit die Landschaft offen. Welch eine Idylle. Ich schaue den genügsamen Dickhäutern zu, genieße die warme Oktobersonne. Dieses Jahr ist das Wetter echt der Hammer. Weiter dem alten Wirtschaftsweg folgend, wird es richtig unwegsam. Wieder umgestürzte Bäume. Rad schultern und drüber. Doch die Mühen haben sich gelohnt. Ich stehe am Rand des Steinbruchs. Vor mir eröffnet sich eine weite Ebene. Glockenheide und Pfeifengras, einzelne Baumgruppen. An der gegenüberliegenden Seite ragen die alten Abbaukanten des Steinbruchs steil und gigantisch in den Himmel. Ab hier geht´s nicht weiter. Der Zutritt ist untersagt. Lebensgefahr!

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Ein schmaler Pfad rechter Hand führt mich nach wenigen Metern wieder auf einen geschotterten Wanderweg. Mit der E-Unterstützung meines Rades erklimme ich die Anhöhe. Der kleine Motor und ich mussten schon ganz schön ackern. Ohne Motor wäre nur noch schieben angesagt gewesen. Puh … geschafft. Eine weite Kreuzung empfängt mich. Unzählige Wege treffen sich. Auch der Pilgerweg ist wieder dabei. Letzte Station „Riesenbecker Kreuzweg“ steht auf meinem Handy.

Eine hölzerne Bank und Tisch wartet auf erschöpfte Wanderer. Mein Blick haftet an der übergroßen Jesus Statue, gleich gegenüber. Stille, Frieden. Selbst die Vögel sind verstummt. Hier und da das Rascheln eines herabfallenden Blattes. Wie aus dem Nichts durchbricht ein Rauschen auf steinigem Grund die andächtige Stille. Im nächsten Moment prescht ein Mountenbiker aus einem der Wege, hastet wie ein heftiger Windstoß an mir vorüber. Doch die wieder eintretende Stille währt nur kurz. Lebhaftes Geplauder strömt langsam dem Berg herauf. Wenig später taucht eine Gruppe mit zwei Pferden an dem sonst so friedlichen Ort auf. Eines der Pferde musste einen großen Beutel mit Kastanien tragen. Eine junge Frau, von kräftiger Statur, hatte wohl das Sagen. „Jetzt machen wir das Eichhörnchen-Spiel“ höre ich sie rufen. Die Kastanien mussten versteckt und unter erschwerten Bedingungen wieder gefunden werden. Auf jeden Fall hatten die Leutchen Spaß. Wie sich herausstellte, die Lehrer einer Grundschule.

 

Kreuzigung-Statue an der Wegekreuzung „Riesenbecker Kreuzweg“

Ich breche auf. Ein bestimmtes Ziel hab ich nun nicht mehr. Langsam rollt mein Rad mit mir auf dem Sattel einen der Wege herunter. Ich komme nicht weit. „Das schönste Waldwohnzimmer“ lässt mich wieder stoppen. Baumstämme zu Stühlen geformt, ein Tisch mit Blumen und ein wunderschönes Gedicht verzaubern diesen Augenblick und Ort.

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Ein wenig ziellos folge ich nun mal dem einen, mal dem anderen Weg. Die Herbststimmtung zieht mich in ihren Bann. Auf einem der Wegweiser steht „Schöne Aussicht“. Na klar, dass ich da hin muss. Schon hab ich wieder ein Ziel. Wenig später stehe ich an dem Aussichtsplataue und vor mir eine Menschenmasse, die sich Beifall huldigt. Eine Therapiegruppe die sich gerade jetzt, gerade hier, ihr Abschlussstatmant kundtut. Ich ziehe mich dezent zurück und harre der Dinge. Nach einer viertel Stunde verstummt der immer wieder aufwallende Beifall, abgelöst von munterem Geplauder. Der offiziele Part schein beendet. Ich mische mich unter die Menge. Ein wundervoller Ausblick über Riesenbeck und weit ins Münsterland hinein entlohnt mich für die verstrichenen Minuten. Der Name stimmt. „Schöne Aussicht“.

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Auf direktem Weg, über den Pilgerweg, geht es nun zurück zum Womo. In Null komma nix bin ich am Kloster. Wie toll. Immer nur Berg ab.

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